Zwei Jahre und vier Monate – so lange dauerte die deutsche Besatzung von Malyn. Die Stadt, die im Sommer 1941 einen ganzen Monat lang die Stellung an den Zugängen zu Kyjiw hielt, erlebte Kämpfe um den Bahnhof, Brände, das Besatzungsregime, Erschießungen von Untergrundkämpfern und die Befreiung im November 1943. Dieser Artikel handelt davon, wie sich alles zutrug, und von den Fotografien, die deutsche Soldaten in den ersten Wochen der Besatzung machten. Auf der Rückseite mehrerer Fotos steht mit Bleistift geschrieben: „Malin! 1941“.

Kämpfe um die Stadt im Sommer 1941

Bereits Anfang Juli 1941 rückte die Front an Malyn heran, und an den Zugängen zur Stadt entbrannten schwere Abwehrkämpfe. Feldwehrersatzämter mobilisierten hastig einheimische Männer, die niemand auf den Krieg vorbereitet hatte. Die meisten von ihnen kamen bereits in den ersten Tagen der Verteidigung des Rayons ums Leben.

Am 15. Juli begannen die Kämpfe direkt um Malyn. Am erbittertsten wurde um den Bahnhof gekämpft: Er wechselte viermal den Besitzer. Die Stadt wurde von den Truppen der 5. Armee unter General Mychajlo Potapow, der 1. Panzerabwehr-Artillerie-Brigade, dem 32. Eisenbahnbataillon und der 215. motorisierten Division verteidigt. Die Verteidigung dauerte etwa einen Monat.

Das zerstörte Bahnhofsgebäude der Station Malyn mit Türmen und eingestürztem Dach
Der zerstörte Bahnhof der Station Malyn, 1941. Die Station wechselte während der Kämpfe im Juli 1941 viermal den Besitzer. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: PastVu

Eine der deutschen Aufnahmen ist beschriftet: „Malin am 22 Juli genommen“ – „Malyn wurde am 22. Juli eingenommen“. Doch die Kämpfe um die Stadt waren damit nicht vorbei: Der Bahnhof und die Umgebung wurden noch mehrmals zurückerobert, bis die Front Mitte August nach Osten zurückwich.

Brandstätten in einer Straße von Malyn: verbrannte Wände und Schornsteine hinter einem Zaun
Eine niedergebrannte Straße. Auf der aufgeklebten Rückseite von der Hand eines deutschen Soldaten: „Malin am 22 Juli genommen“ – „Malyn wurde am 22. Juli eingenommen“. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“
Ein Hang über dem Fluss, zerfurcht von Unterständen und Schützengräben
Unterstände und Schützengräben am Hang – Spuren der Kämpfe um die Stadt. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“

Video: „Region Schytomyr, Sommer 1941“, Kanal Kinochronik von Schytomyr.

Die Stadt nach den Kämpfen

Die Fotografien deutscher Soldaten zeigen Malyn so, wie es Ende des Sommers 1941 aussah: niedergebrannte Stadtviertel, in denen von den Häusern nur noch Schornsteine übrig blieben, verwüstete Geschäfte, tote Pferde mitten auf dem Kopfsteinpflaster, ein halb zerstörter Wasserturm. Am Bahnhof – zerquetschte Waggons und eine demolierte Dampflokomotive, während das Bahnhofsgebäude selbst mit eingestürztem Dach dasteht.

Malyn in den Jahren der deutschen Besatzung 1941–1943Malyn in den Jahren der deutschen Besatzung 1941–1943

Deutsche Soldaten räumen Minen auf der Zufahrtsstraße zur Papierfabrik 

Leere Straße mit beschädigten Häusern und getöteten Pferden auf dem Kopfsteinpflaster
Eine Straße in Malyn nach den Kämpfen, Sommer 1941. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“
Zerstörte Geschäfte, Kisten und Trümmer entlang der Straße
Demolierte Geschäfte im Stadtzentrum. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“
Ruinen eines Stadtviertels: Wände ohne Dach, Trümmer auf dem Boden
Zerstörtes Viertel von Malyn, 1941. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“
Deutsche Soldaten neben dem halb zerstörten Wasserturm
Deutsche Soldaten neben dem beschädigten Wasserturm. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“
Ein Pkw auf der Straße neben dem von Kugeln durchsiebten Wasserturm
Wasserturm und zweistöckiges Gebäude im Zentrum von Malyn, 1941. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: PastVu

Nahe der Papierfabrik — dem Hauptbetrieb der Stadt — blieb ein getroffener Panzer zurück, und deutsche Pioniere bauten eine Holzbrücke anstelle der zerstörten. Das von Kugeln durchsiebte Gebäude des „Klubs der Papierarbeiter“ mit einer Lenin-Büste vor dem Eingang wurde zu einer der bekanntesten Aufnahmen des besetzten Malyn.

Ein getroffener Panzer im Sand, dahinter die Gebäude der Papierfabrik mit einem hohen Schornstein
Getroffener Panzer vor der Papierfabrik. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“
Deutsche Pioniere beim Bau einer Holzbrücke, dahinter die Papierfabrik
Deutsche Pioniere bauen eine Brücke nahe der Papierfabrik. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“
Das von Kugeln durchsiebte Gebäude des „Klubs der Papierarbeiter“ mit einer Lenin-Büste vor dem Eingang
Klub der Papierarbeiter mit Lenin-Büste, 1941. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“

Besatzungsregime

Deutsche Vorhutkräfte rückten am 22. Juli 1941 in Malyn ein — genau einen Monat nach Kriegsbeginn. In der Stadt wurde eine Besatzungsmacht eingerichtet. Je aktiver die Partisanen wurden, desto härter wurde das Regime: Razzien, Festnahmen, Erschießungen von Geiseln. Jugendliche wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.

Der Holocaust in Malyn

Malyn war seit jeher ein jüdisches Städtchen: Hier standen eine Synagoge und eine jüdische Schule, es gab drei jüdische Friedhöfe, und die Jahrmärkte auf dem zentralen Platz brachten die gesamte Umgebung zusammen. Vor dem Krieg lebten etwa zehntausend Menschen in der Stadt. Nach Schätzungen des Historikers Wolodymyr Studinskyj machten Juden fast die Hälfte davon aus; laut der Volkszählung von 1939 waren es 3607 Personen, also etwa ein Drittel der Bevölkerung.

Schon in den ersten Kriegstagen schossen die Preise auf dem Markt in die Höhe, und nach wenigen Wochen war es bereits unmöglich, ein gesundes Pferd oder einen intakten Wagen zu kaufen: Die Menschen bereiteten sich auf die Evakuierung vor. Ein Teil der jüdischen Familien schaffte es, mit dem Zug nach Kiew und weiter nach Charkiw auszureisen, andere machten sich mit Fuhrwerken über Basar und Narodytschi auf den Weg nach Tschernihiw und ließen ihr Hab und Gut zu Hause zurück oder vergruben es, um es nach ihrer Rückkehr wiederzuholen. Doch viele Menschen, insbesondere Ältere, blieben: Sie erinnerten sich an das zurückhaltende Verhalten der deutschen Armee im Jahr 1918 und glaubten nicht, dass es dieses Mal anders sein würde.

Die ersten Morde begannen unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen. Nach Angaben der Organisation Yahad-In Unum, die Zeitzeugenberichte dokumentiert, führten etwa zehn deutsche Soldaten die im Keller der jüdischen Schule versteckten Juden und Kommunisten heraus und erschossen sie direkt hinter dem Gebäude; die Leichen wurden in Entwässerungsgräben geworfen.

Die Erschießungen wurden nach einem erprobten Schema vorbereitet. Zunächst wurden alle Einwohner durch eine Pflichtregistrierung erfasst. Anschließend wurden Bekanntmachungen angebracht oder über Lautsprecher an Fahrzeugen der Befehl verkündet, sich mit Verpflegung für einige Tage und warmer Kleidung zu versammeln. In Malyn wurde das Gelände der Möbelfabrik zum Sammelpunkt und die Schlucht Schtscherbiw-Jar zwischen der Stadt und dem Bahnhof zum Ort der Erschießungen.

Ein Feld und Häuser unter Kiefern am Stadtrand von Malyn, Foto aus einem Album
Stumme Zeugen des Jahres 1941. Foto aus dem Archiv von W. A. Studinskyj

Über die erste Massenerschießung im besetzten Malyn berichtete das Sowjetische Informationsbüro: Die Deutschen verhafteten 120 Menschen, darunter 30 Frauen mit Kindern, hielten sie mehrere Tage lang in der Möbelfabrik fest, woraufhin die Erwachsenen erschossen und die Kinder lebendig begraben wurden. Historiker schreiben, dass es sich dabei entweder um Malyner Juden oder um ein Roma-Lager handelte, das die Nationalsozialisten vollständig vernichteten.

Die größte Erschießung fand im August 1941 statt. Den Menschen wurde gesagt, dass sie umgesiedelt würden, weshalb sie ihre Sachen und Kleidung mitnahmen. Tetjana S., die damals zehn Jahre alt war, sah die Erschießung, als sie Gras holen ging: Die Menschen wurden in einer Reihe aufgestellt, Schüsse fielen — und sie stürzten zu Boden. Eine große Gruppe von Opfern wurde gezwungen, zuerst Gruben auszuheben. Die beste Kleidung und Wertsachen wurden beschlagnahmt, die restlichen Dinge ringsum verstreut.

Die Angaben zu den Massenerschießungen von Juden weichen sowohl im Datum als auch in der Zahl der Opfer voneinander ab. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem schreibt, dass die meisten Juden von Malyn während mehrerer Aktionen im August und September 1941 ermordet wurden, während sowjetische Berichte von 670 bis 1000 Toten sprachen, die in fünf Massengräbern im Bereich der Schlucht Schtscherbiw-Jar begraben liegen. Nach den Materialien der Ausstellung „Der Holocaust durch Kugel: Die Massenerschießungen von Juden in der Ukraine 1941–1944“ (Kiew, 2011) wurden am 23. August 1941 in Schtscherbiw-Jar 670 Juden erschossen. Laut offizieller Statistik wurden in den Jahren der Okkupation in Malyn 1113 Menschen erschossen. Dieses Kapitel der Stadtgeschichte ist bis heute wenig erforscht und erfordert Arbeit mit Archiven und Zeitzeugenberichten.

In Schtscherbiw-Jar wurde einst ein kleines Denkmal für die Gefallenen errichtet. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurden die Gebeine der Erschossenen auf den neuen jüdischen Friedhof umgebettet, wohin auch dieser bescheidene Obelisk versetzt wurde — er steht dort bis heute. Mehr dazu erfahren Sie im Artikel des Historikers Wolodymyr Studinskyj „Der Holocaust in Malyn: August – September 1941“.

Obelisk auf dem Massengrab unter Fichten auf dem neuen jüdischen Friedhof
Obelisk auf dem Massengrab auf dem neuen jüdischen Friedhof, wohin die Gefallenen umgebettet wurden. Foto: „Moy Schtetl“, 2017

Heute steht am Hinrichtungsort in der Maschynobudiwnykiw-Straße ein Granitdenkmal „Halt an! Neige dein Haupt“ mit Inschriften auf Ukrainisch und Hebräisch. Auch das Gebäude der ehemaligen Synagoge ist erhalten geblieben.

Granitdenkmal „Halt an! Neige dein Haupt“ mit Inschriften auf Ukrainisch und Hebräisch
Mahnmal am Ort der Erschießung der Juden von Malyn in der Maschynobudiwnykiw-Straße: „An dieser Stelle wurden während der deutschen Besatzung der Stadt Malyn in den Jahren 1941–43 mehr als tausend unserer Mitbürger von den Nazis vernichtet“. Foto: „Moy Schtetl“, 2017
Gepflasterter Weg zum Denkmal inmitten von Gras
Der Weg zum Mahnmal am Ort der Erschießung. Foto: „Moy Schtetl“, 2017
Gebäude der ehemaligen Synagoge in Malyn
Gebäude der ehemaligen Synagoge (1.-Mai-Straße 5), Jahr 2017. Foto: „Moy Schtetl“

Partisanen und Untergrund

Bereits im August 1941 begann in der Nähe von Malyn eine Partisanenabteilung unter Iwan Browkin zu operieren. Im selben Jahr traf Pawlo Taraskin in der Stadt ein. Im Herbst 1941 wurde auf seine Initiative hin in Malyn und den umliegenden Dörfern eine Untergrundorganisation gegründet. Ihren Kern bildeten Taraskin selbst, Wassyl Afanassjew, Wiktor Didkiwskyj, Anatolij Meleschtschenko und Wassyl Burmantschuk.

Am 16. Januar 1943 kam der deutsche Sicherheitsdienst dem Untergrund auf die Spur. Taraskin und seine Mitstreiter wurden verhaftet und erschossen.

Bäume an einem Feldweg am Stadtrand von Malyn
An dieser Stelle wurden im Januar 1943 Mitglieder des Untergrunds von Malyn erschossen. Foto aus dem Archiv von W. A. Studinskyj

Nina Sosnina

Nach dem Tod von Taraskin übernahm Nina Sosnina, eine Absolventin der Schule Nr. 1 in Malyn, die Leitung des Untergrunds. Viele Jugendliche traten der Organisation bei: Die Untergrundkämpfer übergaben den Partisanen Waffen, Munition und Medikamente und verbreiteten Flugblätter unter der Bevölkerung.

Das Haus der Lehrerin J. F. Doroschok wurde zum Hauptquartier der Organisation. Am 31. August 1943 umzingelten die Deutschen das Haus nach einer Denunziation und brannten es samt den Menschen darin nieder. Es starben Nina Sosnina, ihr Vater Iwan Iwanowytsch Sosnin und der Partisan Fedir Sintschenko, der genau zu dieser Zeit operiert wurde.

Der Untergrund von Malyn war 630 Tage lang aktiv. Viele seiner Teilnehmer wurden nach dem Krieg ausgezeichnet, und Pawlo Taraskin sowie Nina Sosnina wurde der Titel „Held der Sowjetunion“ verliehen. Über das Gedenken an die Untergrundkämpfer haben wir im Artikel „Serhij Smyrnow: Die Verewigung des Untergrunds von Malyn“ berichtet.

Video: „Familie Sosnin“, Kanal Malyntschany.

Befreiung im November 1943

Am 12. November 1943 befreiten die Truppen der 1. Ukrainischen Front Malyn. Sowjetische Kameraleute filmten die Stadt in den ersten Tagen nach der Befreiung: zerstörte Straßen, Menschen, die zu ihren abgebrannten Häusern zurückkehren, und eine Kundgebung auf dem Platz.

Video: „Malyn, 1943“, Kanal Kinochronika Schytomyra.

Wie man sich heute an diese Ereignisse erinnert

In Malyn gibt es ein Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs — den Hügel der Unsterblichkeit, und die Schule Nr. 1 trägt den Namen von Nina Sosnina. Gleichzeitig ist das Gedenken an den sowjetischen Untergrund in der unabhängigen Ukraine zwiespältig: In der Stadt wird über die Umbenennung von Straßen und Denkmälern aus der Sowjetzeit gestritten, und die Büste von Sosnina war bereits Ziel von Vandalismus. An der Geschichte der Okkupation ändert das nichts: Tausende Einwohner von Malyn kamen ums Leben, und die Stadt musste fast von Grund auf neu aufgebaut werden.

Eine weitere Form des Gedenkens sind militärhistorische Reenactments der Kämpfe von 1941, die in Malyn veranstaltet wurden.

Video: „Militärhistorische Nachstellung der Ereignisse zu Beginn des Zweiten Weltkriegs um Malyn“, Kanal Alexander Skuratowski.

Der Spielfilm „Die Familie Sosnin“ aus dem Jahr 1967 wurde teilweise in Malyn selbst gedreht — im Bild ist die Stadt Ende der 1960er-Jahre zu sehen.

Video: „Die Familie Sosnin. Film von 1967 mit in Malyn gedrehten Episoden“, Kanal InfoMalin.

Zu den Fotografien

Die Aufnahmen in diesem Beitrag wurden im Sommer und Herbst 1941 von deutschen Soldaten gemacht. Jahrzehntelang lagen sie in Familienalben in Deutschland und tauchten später auf Internet-Auktionen auf. Sammler trugen sie zusammen und veröffentlichten sie im Archiv alter Fotografien „EtoRetro“. Auf einigen Aufnahmen sind die originalen Beschriftungen erhalten geblieben: „Malin! 1941“ und „Malin am 22 Juli genommen“. Die Wasserzeichen auf den Fotos stammen von den Verkäufern und dem Archiv.

Zwei Fotos — „Stumme Zeugen von 1941“ und der Ort der Erschießung der Malyner Untergrundkämpfer — stammen aus dem Archiv des Historikers Wolodymyr Studinskyj aus Malyn.

Die Aufnahmen des Bahnhofs und des Wasserturms von 1941 stammen aus dem Archiv alter Fotografien PastVu. Vorkriegs-Ansichten des Städtchens, die Synagoge und Denkmäler wurden vom Projekt „Moi Schtetl“ über jüdische Städtchen in der Ukraine fotografiert. Die Fakten zu den Erschießungen basieren auf Daten von Yahad-In Unum und der Gedenkstätte „Jad Waschem“.

Rückseite einer Fotografie mit der Bleistiftaufschrift „Malin! 1941“
Beschriftung auf der Rückseite einer der Aufnahmen: „Malin! 1941“. Foto eines deutschen Soldaten; Quelle: „EtoRetro“